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Liebe Tiefgängerin, lieber Tiefgänger,

das ist der vorerst letzte Tiefgang, um den euro26 mich bittet. Ich habe an dieser Stelle seit bemerkenswerten zwei-dreiviertel Jahren einmal pro Woche meine Gedanken um Dinge, die das Leben nachdenklicher, lebenswerter, wertvoller, anders, politischer, sozialer, grüner, spiritueller... eben „tiefer“ machen, publizieren dürfen. euro26 danke ich für das große Vertrauen, Dir danke ich für Deine Aufmerksamkeit.

Du wirst vielleicht bemerkt haben, dass ich es liebe, Menschen kennenzulernen und ihre Geschichten zu erzählen. Eine letzte möchte ich heute erzählen: Vor wenigen Wochen war ich in Ankum. Das ist nicht weiter beschreibbar, außer, dass es in der Nähe des katholischen Osnabrücks liegt. Ich war Mitarbeiter auf einem Jugendcamp, das außerhalb der Stadttore Ankums bei den Herren Fuchs und Hase stattfand. Für einen Nachmittag allerdings waren wir als komplettes Camp auf den öffentlichen Plätzen Ankums mit guten Taten tätig, quasi als eine Art Live-Einstudierung eines anderen Lebensstils. Ich war in der Nähe der Kirche und traf dabei auf den Vikar der Gemeinde, dem ich alle meine Fragen rund um Ankum, die katholische Kirche und seinen Job stellte. Nach ungefähr 45 Min. bedankte ich mich ausdrücklich bei ihm dafür, dass er sich so viel Zeit für mich genommen hätte, denn er hätte ja sicherlich noch viele weitere Aufgaben. Daraufhin meinte er: „Wissen Sie, das ist es, was ich Ihnen in dieser stressigen und kurzlebigen Zeit wirklich gerne schenken möchte: Zeit! Keiner hat sie, aber jeder sehnt sich nach ihr. Ich glaube an die Existenz eines Ortes, an dem es unmessbar viel Zeit geben wird. Also sehe ich es als meine Aufgabe und mein Vorrecht, bereits jetzt schon so zu leben, als gäbe es den Himmel auf Erden.“

Katholik bin ich seinerzeit nicht geworden, aber den Himmel auf Erden haben sich schon ganz andere Menschen gewünscht, und die waren mit Sicherheit nicht alle Kirchenmitglieder. Ein letztes Mal also ein Plädoyer für etwas, auf das ich nicht wirklich von alleine gekommen bin, und schon gar nicht mit so einer Begründung: Zeit zu schenken. Ich bin mir sicher, dass es eines der größten Geschenke sein kann, die wir überhaupt machen können. Denn keiner rechnet damit, und uns kann solch ein Geschenk richtig weh tun, zumindest, wenn Du so gestrickt bist, wie ich: Mir kann es richtig weh tun, so ein knappes Gut wie Zeit zu verschenken, weil ich selbst nie genug davon zu haben scheine.

Unabhängig von Zeit: Den Himmel auf Erden schaffen oder zumindest die Hölle als Lebenszustand mancher zu beseitigen, das ist ein ambitioniertes Ziel. Aber eines, für das es sich lohnt, zu leben und zu arbeiten.

Wir lesen uns.
Martin Scott

 
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